DAS INTERVIEW ZUM WANDERN IN DEUTSCHLAND

Frank Gerbert, 1955 geboren, schreibt seit 1985 journalistische Artikel für verschiedene Zeitungen und arbeitet seit 1992 als Redakteur des Focus in der Sparte Modernes Leben mit dem Themenschwerpunkt Psychologie und Gesellschaft.
2005 veröffentlichte der Focus als Titelstory „die neue Wanderlust“, einen Beitrag von Frank Gerbert zu der Frage, warum die Deutschen das Wandern als Natur-Erlebnis für Körper und Seele wieder entdecken.
2007 erschien im dtv Verlag Gerberts Buch „Kleine Philosophie der Passionen: Wandern“, ein Bekenntnis voller Selbstironie über die wandernden Deutschen, ihre bevorzugten Ziele und seine eigene Person.
Die Redaktion des Magazins Wanderbares Deutschland sprach mit Frank Gerbert über seine Erfahrungen auf deutschen Wanderwegen:
Herr Gerbert, Sie fordern in Ihrer Focus-Online-Kolumne "Gerbert wandert" vom 7. September 2007 eine Stiftung Warentest für Wanderwege. Wie könnte diese konkret umgesetzt werden?
Die Forderung war nur halb ernst gemeint; ich wollte eher meinen Frust rauslassen. Hintergrund war ja, dass ich für mein Buch "Kleine Philosophie der Passionen: Wandern" im Sommer 2006 vier angeblich tolle Fernwanderwege begangen hatte und von zweien enttäuscht war. Einer dieser beiden, der Rothaarsteig, hat vom Deutschen Wanderinstitut die Auszeichnung "Premiumweg" erhalten, der andere, der Schwarzwald-Westweg, vom Deutschen Wanderverband das Prädikat "Qualitätsweg". Vielleicht liege ich ja falsch und habe zu hohe Ansprüche, vielleicht denken aber andere ähnlich. Ich befürchte jedenfalls, dass die Anbieter der einzelnen Wege an einer neuen, völlig unabhängigen Bewertung gar kein Interesse haben – aus Angst, zu den Verlierern zu gehören.
Mehr Objektivität statt Werbung - das Wanderland Deutschland hat doch zahlreiche qualifizierte Wanderwege, ausgezeichnet vom Deutschen Wanderverband. Bieten diese Kriterien dem Wanderer nicht genügend objektive Information im Wanderdschungel? Ist der Wanderverband auf den Werbezug aufgesprungen?
Ich kenne den Deutschen Wanderverband zu wenig, um ihm irgendetwas vorwerfen zu können. Mir fällt nur auf, dass es zurzeit einen gigantischen Wanderweg-Boom gibt; jedes Kuhdorf weist neue Wege aus und behauptet, sie seien supertoll, ob nun mit dem Segen des Wanderverbands oder ohne. Der Normalwanderer wird einfach verwirrt: Zum Beispiel durch die Marketing-Gemeinschaft "Top Trails Of Germany", die einfach nur behauptet, sie vertrete "die besten Wanderwege Deutschlands". Dass darunter auch tatsächlich sehr gute sind, wie der Rheinsteig, macht die Sache noch komplizierter. Eigentlich sollte man sich in der Szene der Wanderweg-Erschaffer und -Vermarkter mal so richtig über diese Inflation an Superlativen streiten, aber davor schreckt man offenbar zurück. Eine Krähe hackt der anderen – und so weiter.
Wie müsste Ihrer Meinung nach das Wanderwunderland Deutschland aussehen?
Meine persönlichen Kriterien für einen guten Wanderweg sind vor allem:
Kein Straßenlärm sollte zu hören sein (oder nur selten), und es sollte
sich möglichst um echte Pfade handeln (schmal, gewunden), und nicht um
die breiten, langweiligen, oft schnurgeraden Forstwege. Beim Frankenweg
(jedenfalls den Etappen, die ich kenne), hat man sich Mühe gegeben, das
zweite Kriterium zu erfüllen – dafür ist der Weg auch recht sportlich.
Der Schwarzwald-Westweg verläuft (ich schränke ein: auf den Etappen,
die ich kenne) meist auf Forstwegen, zum Teil sogar auf asphaltierten
Sträßchen. In meinem Wanderwunderland würden sich Wegeerschaffer mal so
richtig Mühe geben und kleine Pfade zu einem Fernweg kombinieren. Das
und nichts anderes wäre dann ein "Steig" – mit diesem verheißungsvollen
Begriff schmückt sich ja heutzutage jeder Spazierweg. Leider haben die
Tourismusorganisationen, befürchte ich, vor allem das Wohl der
Gaststätten und Beherbergungsbetriebe im Blick. Würde man zum Beispiel
den Westweg durch einen neu trassierten "Weststeig" ersetzen, dann
gingen sicher die Gastronomie-Betriebe auf die Barrikaden, die die neue
Route nun auslassen würde. Menschen, die gut mit Landkarten umgehen
können, gebe ich den Rat: Planen Sie sich Ihren Traumweg selber!

Kleine Philosophie der Passionen:
Wandern, Autor: Frank Gerbert, Verlag: dtv, Herausgegeben 2007, 130 Seiten, 7,50€
Anmerkung der Redaktion:
Der Westweg ist von Herrn Gerbert im Sommer 2006 begangen worden.
Der Zertifizierungsprozess wurde aber erst im Dezember 2006
abgeschlossen. Möglicherweise ist Herr Gerbert Abschnitte gelaufen, die
bis zu Zertifizierung noch verändert wurden.
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